LG 55LH90 im Rückblick: Full-Array-LED, als Dimmzonen noch selten waren
Der LG 55LH90 lohnt einen zweiten Blick, weil er zu einer kleinen Gruppe von Geräten gehörte, die den Begriff „LED-Fernseher“ mit echtem Inhalt füllten. Die meisten Modelle jener Jahre trugen ihre Leuchtdioden am Rand des Panels. Hier dagegen saßen sie hinter der gesamten Bildfläche, in einem Raster verteilt. Aus diesem einen baulichen Unterschied folgt fast alles Weitere, das, was das Gerät seinerzeit besser machte, und das, woran man auch heute noch etwas über Fernsehtechnik lernen kann.
Warum die Anordnung der Dioden über das Bild entscheidet
Ein LCD erzeugt kein eigenes Licht. Hinter der Flüssigkristallschicht sitzt eine Lampe, die konstant leuchtet. Zwei Polarisationsfilter und die Kristalle dazwischen wirken zusammen wie eine winzige Jalousie vor jedem Bildpunkt: Je nach angelegter Spannung drehen die Kristalle die Schwingungsrichtung des durchtretenden Lichts, und der zweite Filter lässt davon mehr oder weniger passieren. Das Problem: Diese Jalousie schließt nie ganz. Ein kleiner Rest des Hintergrundlichts dringt immer durch, und deshalb wirkt reines Schwarz auf einem einfachen LCD eher wie ein dunkles Grau.
Edge-lit-Geräte verschärfen dieses Problem auf ihre Weise. Bei ihnen sitzen die LEDs am Rand, und eine Lichtleiterplatte verteilt deren Helligkeit über die Fläche. Das baut flach und günstig, lässt sich aber kaum gezielt steuern: Abdunkeln kann man bestenfalls grobe Streifen, nicht einzelne Bildregionen. Ein Full-Array-Backlight wie beim 55LH90 kehrt das um. Die Dioden stehen als Feld direkt hinter dem Panel, und Gruppen von ihnen, die Zonen, lassen sich unabhängig voneinander heller oder dunkler regeln.
Genau das ist die Voraussetzung für lokales Dimming.
Lokales Dimming: der eigentliche Gewinn, samt eingebauter Grenze
Die Idee ist bestechend einfach. Ist ein Teil des Bildes dunkel, senkt der Fernseher dort das Hintergrundlicht ab oder schaltet es ganz aus, statt es sinnlos gegen die geschlossene Flüssigkristall-Jalousie anzustrahlen. Der Nachthimmel wird tatsächlich schwarz, die hellen Fenster einer Stadtszene bleiben hell, und der Abstand zwischen beiden wächst weit über das hinaus, was das nackte Panel je könnte.
Der Haken steckt in der Zahl der Zonen. Jede Zone deckt viele tausend Bildpunkte ab, und innerhalb einer Zone lässt sich das Licht nur einheitlich regeln. Steht ein helles Objekt vor schwarzem Grund (ein Untertitel, ein Stern, eine Straßenlaterne), muss die ganze Zone um es herum leuchten. Um das helle Objekt legt sich dann ein schwacher Lichthof, das sogenannte Blooming. Dreht der Fernseher stattdessen zu forsch herunter, verschluckt er feine Schattenzeichnung gleich mit; aus einem differenzierten Dunkel wird ein toter schwarzer Block.
Zwischen diesen beiden Fehlern muss die Dimming-Elektronik in Echtzeit abwägen, Bild für Bild.
Nach heutigen Maßstäben war die Zonenzahl in Geräten dieser Generation gering, weshalb das Blooming sichtbar blieb, genau die Schwäche, die erst Mini-LED mit einer weit höheren Zonendichte in den Griff bekam.
Dazu kommt eine Eigenheit, die man LG zugutehalten oder ankreiden kann, je nach Blickwinkel: Die Marke setzte traditionell auf IPS-Panels. Die zeigen ihr Bild aus schrägem Winkel farbstabiler als die kontrastreicheren VA-Panels, lassen im Gegenzug aber mehr Restlicht durch. Auf einem IPS-Panel ist gutes lokales Dimming deshalb kein Luxus, sondern die halbe Miete. Es muss ausgleichen, was der Flüssigkristall selbst nicht schafft.
Warum sich trotzdem meist Edge-lit durchsetzte
Wenn Full-Array das bessere Bild lieferte, warum steckte es dann nur in wenigen Geräten? Weil es teuer und unhandlich war. Ein ganzes Feld aus Dioden samt Diffusor und Kühlung braucht Platz, wiegt mehr und zieht mehr Strom als eine Handvoll LEDs am Rand. Ausgerechnet in den Jahren des 55LH90 warben die Hersteller mit immer flacheren Gehäusen, und flach baut sich ein Fernseher nun einmal leichter, wenn die Leuchtdioden am Rand sitzen statt hinter dem Bild. So blieb ordentliches lokales Dimming der Oberklasse vorbehalten, während der Massenmarkt Edge-lit bekam.
Verkauft wurde beides unter demselben Etikett, und im Regal machte das einen realen technischen Unterschied unsichtbar.
Dazu kam der Zahlenzauber auf den Kartons. Kontrastwerte von einer Million zu eins und mehr prangten groß auf der Verpackung; gemeint war der „dynamische“ Kontrast, gemessen zwischen dem hellsten Vollbild und einem komplett schwarzen, bei dem sich das Backlight einfach abschaltet. Mit dem, was man in einer realen Filmszene sieht, hatte diese Zahl wenig zu tun. Was zählte, war das Zusammenspiel aus dem nativen Kontrast des Panels und der Frage, wie fein das Backlight tatsächlich in Zonen abdunkeln konnte.
An dieser zweiten, ehrlicheren Front hatte der 55LH90 etwas vorzuweisen, die meisten seiner Zeitgenossen nicht.
Was dem 55LH90 fehlte: die Grenzen seiner Zeit
So fortschrittlich das Backlight war, der Rest des Geräts blieb an seine Epoche gebunden. Die Auflösung endete bei Full HD; 4K existierte im Wohnzimmer schlicht noch nicht. HDR, also die erweiterte Dynamik zwischen tiefstem Schwarz und grellstem Weiß, war als Norm noch nicht geboren: der Fernseher konnte kontraststark sein, aber er sprach die Bildsprache heutiger HDR-Filme nicht. Auch beim Farbraum zog er die Grenze früh: Ein weißes LED-Backlight ohne Quantum-Dot-Schicht deckt sattes, tiefes Rot und Grün nur eingeschränkt ab.
Bewegtbild war ein weiteres Feld, auf dem diese Generation noch experimentierte. Die Zwischenbildberechnung zum Schärfen schneller Schwenks steckte in den Anfängen und brachte den bekannten „Seifenopern-Effekt“ mit, der Kinofilme unnatürlich glatt aussehen lässt. Und die Smart-Funktionen, soweit überhaupt vorhanden, waren zäh und sind von den App-Stores der Anbieter längst abgehängt worden. Wer ein solches Gerät heute betreibt, hängt sinnvollerweise eine externe Streaming-Box daran und lässt die Bordsoftware ruhen.
Was von dieser Bauweise übrig blieb
Der interessante Teil des Rückblicks ist, wie wenig die Grundidee gealtert ist. Full-Array mit lokalem Dimming wurde zur Blaupause für den hochwertigen LCD-Fernseher, und Mini-LED ist im Kern nichts anderes als dieselbe Idee, konsequent zu Ende gedacht: Statt einiger Dutzend vergleichsweise großer Dioden sitzen dort viele tausend winzige dahinter, die Zonen schrumpfen, das Blooming schwindet. Der 55LH90 steht am Anfang dieser Linie, nicht an ihrem Ende.
Die Gegenbewegung heißt OLED. Ein selbstleuchtendes Panel braucht überhaupt kein Hintergrundlicht; jeder Bildpunkt erzeugt sein eigenes Licht und kann sich vollständig abschalten. Damit fällt das ganze Zonenproblem weg: perfektes Schwarz, kein Lichthof, dafür die bekannte Kehrseite aus Einbrenn-Risiko bei Standbildern und begrenzter Maximalhelligkeit. Zwischen diesen beiden Welten, dem gedimmten LCD und dem selbstleuchtenden Panel, verläuft bis heute die eigentliche Trennlinie bei Kontrast und Schwarzdarstellung.
Der LH90 fiel klar auf die LCD-Seite, aber er zeigte, wie weit sich diese Seite treiben lässt.
Lohnt ein solches Gerät heute noch?
Nüchtern betrachtet: als Hauptfernseher kaum. Es fehlen 4K und HDR, der Farbraum ist eng, und Elektronik altert: LED-Backlights verlieren über die Jahre an Helligkeit, Netzteil-Kondensatoren geben irgendwann nach, und Ersatzteile für ein Gerät dieses Alters sind Glückssache. Wer den 55LH90 aber gebraucht und günstig als Zweit- oder Gästegerät bekommt, erhält etwas, das viele billige Neugeräte bis heute nicht liefern: ein LCD, dessen Schwarz wirklich dunkel wird. Für einen abgedunkelten Filmabend zählt genau das oft mehr als eine höhere Zahl auf dem Datenblatt.