Tuner und Empfangswege: was DVB-T2, DVB-C und CI+ bedeuten
Der Tuner bekommt keine Werbezeile ab. Keine große Zahl, kein Logo auf dem Karton. Trotzdem entscheidet er darüber, ob am Aufbauabend ein Programm läuft. Ohne passenden Tuner ist ein Fernseher ein sehr teurer Monitor. Und hinter der Antennenbuchse steckt mehr Physik, als die drei Buchstaben DVB vermuten lassen.
Drei Wege ins Wohnzimmer
Antenne, Kabel und Satellit sind getrennte Infrastrukturen mit verschiedenen Signalwegen. Für jede braucht das Gerät eigene Hardware.
Terrestrisch: Ein Sendemast strahlt im UHF-Bereich ab, Ihre Zimmer- oder Dachantenne fängt die Welle auf. Genutzt wird dafür in Deutschland heute der Bereich zwischen etwa 470 und 694 MHz, alles darüber ging an den Mobilfunk. Die Reichweite ist begrenzt: Hügel, Stahlbeton und eine ungünstige Fensterlage kosten mehr Signal als jede Kabellänge. Dafür ist der Weg kostenlos, sobald die Antenne steht, und zwischen Sender und Gerät liegt am wenigsten Technik.
Kabel: Der Netzbetreiber speist ein fertiges Bündel in ein Koaxialnetz ein, das Dutzende Programme gleichzeitig in einem festen Raster aus 8 MHz breiten Kanälen führt. Wetter spielt keine Rolle, Bäume auch nicht. Sie brauchen dafür einen Hausanschluss und in aller Regel einen Vertrag.
Satellit: Der Satellit steht rund 35.786 Kilometer über dem Äquator, weil er in dieser Höhe für einen Umlauf genauso lange braucht wie die Erde für eine Umdrehung. Vom Boden aus scheint er deshalb stillzustehen, und nur darum kann eine Schüssel starr montiert bleiben. Sie bündelt die schwache Welle auf das LNB im Brennpunkt. Dieses setzt die empfangenen 10,7 bis 12,75 GHz auf eine Zwischenfrequenz von rund 950 bis 2150 MHz herunter, denn die Originalfrequenz wäre im Koaxkabel nach wenigen Metern verloren. Gesteuert wird es über dieselbe Leitung, über die es sein Signal schickt: 13 oder 18 Volt Gleichspannung wählen die Polarisationsebene, ein aufmodulierter 22-kHz-Ton schaltet zwischen unterem und oberem Frequenzband um, mehrere Satellitenpositionen kommen per DiSEqC dazu.
Eine Familie, drei Modulationen
Die europäische DVB-Familie teilt sich vieles: den MPEG-Transportstrom, die Tabellen mit Programminformationen und Programmführer, die Art, wie Bild, Ton und Untertitel mit eigenen Kennungen nebeneinanderlaufen. Verschieden ist die unterste Schicht, und die richtet sich nach dem Übertragungsweg.
Über die Luft arbeitet DVB-T2 mit OFDM. Statt eines einzigen breiten Trägers verteilt es die Daten auf Tausende schmale Einzelträger und schiebt vor jedes Symbol ein Schutzintervall. Genau das macht Reflexionen harmlos. Ein Echo, das über eine Hauswand ein paar Mikrosekunden später eintrifft, fällt noch in dieses Intervall und stört nicht, es addiert sich sogar nützlich dazu. Daraus folgt der Gleichwellenbetrieb, bei dem benachbarte Sender dieselbe Frequenz benutzen dürfen. In Deutschland läuft der terrestrische Weg mit HEVC in HD. Gegenüber dem alten DVB-T mit MPEG-2 passt deutlich mehr Programm in denselben Kanal, weil Modulation und Codec sparsamer geworden sind.
DVB-C hat es einfacher. Ein geschlossenes Kabelnetz ist ein sauberer Kanal mit hohem Störabstand, also lässt sich dichter packen: QAM mit 64 oder 256 Zuständen pro Symbol, ohne den Aufwand, den Funkwege verlangen. Der Nachfolger DVB-C2 ist als Norm fertig, in den Netzen aber kaum angekommen.
DVB-S2 steht vor dem umgekehrten Problem. Nach rund 36.000 Kilometern kommt so wenig Leistung an, dass dichte Konstellationen ausscheiden. Für Fernsehprogramme laufen deshalb meist QPSK oder 8PSK, also wenige, weit auseinanderliegende Zustände, ausgeglichen durch eine sehr starke Fehlerkorrektur aus LDPC und BCH. Dass eine Sendung matschig aussieht, liegt fast nie am Panel. Entscheidend ist die Datenrate, die der Veranstalter pro Transponder einkauft, dazu passt der Abschnitt über Auflösung und 4K. Die Kürzel selbst stehen im Glossar.
Triple Tuner, Twin Tuner und der Suchlauf
Triple Tuner bedeutet schlicht: Das Gerät beherrscht alle drei Empfangswege, T2, C und S2, und hat die nötigen Demodulatoren an Bord. Es bedeutet nicht, dass drei Programme gleichzeitig empfangen werden könnten. Genau das verspricht dagegen ein Twin Tuner, nämlich zwei Empfänger desselben Typs, sodass Sie ein Programm aufnehmen und parallel ein anderes sehen. Für Aufnahmen auf USB-Festplatte oder für Timeshift ist das der Unterschied zwischen brauchbar und ärgerlich.
Der Suchlauf ist mehr als stumpfes Abklappern. Der Tuner rastet auf einer Frequenz ein, liest die mitgesendeten Tabellen und erfährt daraus, welche Programme dieser Multiplex enthält. Schickt der Betreiber eine Kanalnummer mit, landet jeder Sender gleich an der richtigen Position. Deshalb sortiert sich eine Kabelliste oft von allein, während eine Satellitenliste gern im Chaos endet.
CI+: der Schacht für die verschlüsselten Programme
Frei empfangbar sind längst nicht alle Programme. Privatsender in HD laufen über Satellit meist über eine Plattform mit eigener Verschlüsselung, terrestrisch über einen kostenpflichtigen Dienst, im Kabel über das System des Netzbetreibers. Dafür gibt es den seitlichen Schacht: Dort steckt ein CAM-Modul, in dem Modul eine Smartcard, und dieses Gespann entschlüsselt den Datenstrom, bevor er an den Decoder geht.
Das Plus in CI+ beschreibt eine Sicherheitsschicht, die viele Nutzer erst bemerken, wenn sie stört. Modul und Fernseher weisen sich per Zertifikat aus, und der entschlüsselte Strom wird auf dem kurzen Weg zurück ins Gerät erneut verschlüsselt, damit ihn niemand an der Schnittstelle abgreift. Dabei kann der Sender Nutzungsregeln mitgeben:
- Aufnahme gesperrt oder nur für begrenzte Zeit erlaubt
- Vorspulen im Werbeblock unterbunden
- Weitergabe an die Ausgänge des Geräts eingeschränkt
Was davon gilt, entscheidet nicht Ihr Fernseher. Ein separater Receiver umgeht das nicht, er verlagert es nur in eine andere Box.
HbbTV, der rote Knopf
HbbTV verbindet die beiden Welten. Im laufenden Transportstrom steckt eine kleine Signalisierung, die dem Fernseher eine Adresse nennt. Drücken Sie die rote Taste, lädt das Gerät von dort eine HTML-Anwendung über die Internetverbindung und legt sie über das Bild: Mediathek, Neustart der laufenden Sendung, Untertitel, Nachfolger des Videotexts. Der Rundfunkweg liefert das Programm, die Breitbandleitung die Interaktion.
Diese Verbindung entsteht oft schon, bevor Sie eine Taste drücken, nämlich beim Umschalten auf das Programm. Wem das nicht behagt, findet in den Einstellungen fast jedes Geräts einen Schalter. Ich halte HbbTV für eine der wenigen gelungenen Ideen im Fernsehstandard, mit einer Datenschutzflanke, die man kennen sollte.
ATSC 3.0: der amerikanische Kontrast
In den USA gilt eine andere Familie, und der Vergleich ist lehrreich. ATSC 1.0 setzte terrestrisch auf 8VSB, eine Einträgermodulation, die mit Mehrwegeempfang schlechter zurechtkam als OFDM, und transportierte MPEG-2. Der Nachfolger ATSC 3.0 wirft das über Bord: OFDM wie in Europa, HEVC als Codec, Unterstützung für HDR und objektbasierten Ton, und darunter ein reiner IP-Transport. Rundfunk wird dort technisch zu Datenverkehr, der zufällig aus einer Antenne kommt.
Der Bruch ist total: Ein alter Tuner kann das neue Signal nicht dekodieren, deshalb laufen beide Systeme parallel. Passende Empfangsteile tauchten zuerst in gehobenen Geräten auf, und einzelne Hersteller haben sie inzwischen wieder aus Teilen ihrer Palette genommen. Streit gibt es über die eingebaute Verschlüsselung, die selbst frei ausgestrahlte Programme an zertifizierte Empfänger bindet. Für Sie in Europa zählt vor allem eines: Ein Importgerät aus den USA hat keinen DVB-Tuner, und ein europäisches Gerät versteht ATSC nicht. Der Rest der Elektronik ähnelt sich stark, der Empfangsteil nie.
Wenn der Schacht leer bleibt
Ein wachsender Teil der Haushalte rührt den Tuner nie an. Alles kommt über Apps und IPTV-Dienste, die Antennendose bleibt tot. Das ist legitim, hat aber eine Kehrseite. Rundfunk ist eine Eins-zu-viele-Übertragung, deren Aufwand nicht mit der Zuschauerzahl steigt, während beim klassischen Streaming jeder Zuschauer seinen eigenen Datenstrom bekommt. Dazu kommt die Verzögerung, denn ein in Segmente zerlegter Stream liegt gegenüber der Satellitenausstrahlung je nach Dienst einige Sekunden bis etwa eine halbe Minute zurück. Wer im Treppenhaus den Torjubel der Nachbarn hört, bevor der eigene Bildschirm ihn zeigt, kennt das Gefühl.
Manche Hersteller verkaufen in den USA inzwischen große Bildschirme ganz ohne Tuner, weil ein solches Gerät dort formal kein Fernsehempfänger ist und damit an einem Teil der Vorschriften vorbeikommt. Hierzulande bringt Ihnen das nichts, denn der Rundfunkbeitrag hängt an der Wohnung und nicht am Gerät. Sehen Sie vor dem nächsten Kauf lieber nach, welche Dose tatsächlich in Ihrer Wand steckt und ob das Wunschgerät die Verschlüsselung Ihres Anbieters versteht. Die übrigen Fallstricke nimmt sich die Kaufberatung vor. Diese zwei Minuten am Antennenanschluss ersparen mehr Ärger als jede Diskussion über Bildmodi.


