Fernsehton: warum flache Fernseher dünn klingen

Fernseher sind in zwei Jahrzehnten von der Kiste zur Scheibe geworden. Das Bild hat gewonnen, der Ton hat verloren. Schuld sind weniger die Hersteller als die Akustik. Ein Lautsprecher braucht Volumen und eine freie Abstrahlrichtung, und ein Flachbildschirm hat beides nicht.

Warum ein paar Zentimeter Bautiefe keinen Bass ergeben

Tiefe Töne sind Schwerarbeit an der Luft. Wie laut ein Chassis unten herum spielt, hängt fast nur von der verschobenen Luftmenge ab, also von Membranfläche mal Hub. Ein Subwoofer bewegt eine große Membran über etliche Millimeter. Im Fernseher sitzen ovale Treiber von der Fläche einer Streichholzschachtel, die kaum einen Millimeter ausschwingen dürfen.

Dazu kommt das Gehäuse. Hinter jeder Membran muss ein abgeschlossenes Luftpolster sitzen, sonst treffen sich Vorder- und Rückwelle am Chassisrand und löschen sich bei tiefen Frequenzen aus. Dieses Polster wirkt wie eine Feder. Je kleiner das Volumen, desto härter die Feder und desto höher die Resonanzfrequenz, unterhalb derer der Pegel steil wegbricht. Im Fernseher bleiben Bruchteile eines Liters. Die Grenze rutscht so weit nach oben, dass sie schon die Grundtöne einer männlichen Sprechstimme erfasst. Von Kontrabass oder Kesselpauke bleiben die Obertöne.

Die zweite Niederlage ist die Richtung. Weil die Front dem Bild gehört, strahlen die Treiber nach unten oder nach hinten. Der Schall prallt erst am Sideboard, am Boden oder an der Wand ab. Hohe Frequenzen sind stark gebündelt, und genau dort liegt die Energie der Konsonanten, von der ein Teil im Teppich versickert. Der Rest kommt als Reflexion an, auf längerem Weg als der ohnehin schwache Direktschall. Überlagern sich zwei solche Wege, entsteht ein Kammfilter, der je nach Möbel und Sitzposition anders ausfällt. Bei rückwärtigen Treibern dicht vor einer Wand landen die Einbrüche ausgerechnet im Sprachbereich.

Was die Elektronik retten kann, und was nicht

Immerhin ist die Signalverarbeitung besser als ihr Ruf. Nur arbeitet sie gegen harte Grenzen. Bass per Equalizer anzuheben verlangt mehr Hub. Mehr Hub gibt es nicht, denn der Schutzalgorithmus regelt ab, bevor die Schwingspule anschlägt, also genau dann, wenn es laut werden soll. Deshalb klingen viele Flachgeräte bei Zimmerlautstärke passabel und fallen bei Filmpegel in sich zusammen.

Der zweite Trick ist psychoakustisch und ziemlich clever. Lässt man den Grundton einer tiefen Note weg, hört das Gehör die Tonhöhe trotzdem, weil es sie aus dem Obertonmuster erschließt. Für die Melodie einer Bassline funktioniert das. Für den Druck einer Explosion nicht, denn Druck ist bewegte Luft und keine Rechenaufgabe.

Virtueller Raumklang arbeitet mit kopfbezogenen Übertragungsfunktionen und Übersprechkompensation. Das linke Ohr soll nur das linke Signal hören, was einen Kopf genau an der vom Entwickler erwarteten Stelle voraussetzt. Ein halber Meter zur Seite genügt, und der Effekt kippt ins diffuse Breitziehen. Ähnlich steht es um Dolby Atmos über eingebaute Lautsprecher. Atmos mischt ein festes Kanalbett mit frei platzierten Objekten, deren Metadaten sagen, wo im Raum ein Geräusch hingehört. Bei zwei nach unten gerichteten Treibern wird der Hubschrauber über dem Kopf eben auf diese zwei gerechnet. Das Logo sagt, dass der Decoder das Signal annimmt, nicht dass Sie Höhe hören. Etikettenschwindel wie bei billigen HDR-Geräten.

Soundbar, Subwoofer, AV-Receiver: die drei ehrlichen Stufen

Zuerst die Zahlen, weil sie überall stehen und selten erklärt werden. Bei einer Angabe wie 3.1.2 nennt die erste Ziffer die Kanäle auf Ohrhöhe, die zweite die Subwoofer, die dritte die Höhenkanäle. Weitere Kürzel erklärt das Glossar.

Eine Soundbar gewinnt schon durch Geometrie. Sie darf ein paar Zentimeter tief bauen, ihre Treiber zeigen nach vorne, und in besseren Modellen steckt ein echter Hochtöner statt eines Breitbänders. Das bringt mehr als jede Klangverbesserung im Menü. Der eigentliche Hebel ist aber der Subwoofer, eine Kiste, die nur Luft unterhalb der Trennfrequenz bewegen muss, üblicherweise zwischen 80 und 120 Hertz. Je tiefer getrennt wird, desto schlechter lässt er sich orten und desto freier darf er stehen. Trotzdem klingt es, als käme der Bass aus dem Bild.

Ganz oben steht der AV-Receiver mit echten Lautsprechern: Verstärkerreserve für Dynamikspitzen, ein Decoder für alles, eingemessene Raumkorrektur, dazu eine Anlage, die man erweitert statt ersetzt. Der Preis ist Platz und Kabel, was in Wohnzimmern mit weißen Wänden Debatten auslöst. Wer die Höhenkanäle nach oben strahlenden Modulen überlässt, braucht eine glatte, harte, halbwegs niedrige Decke. Dachschrägen machen den Trick zunichte. Was der Fernseher davor kosten darf, klärt die Kaufberatung.

eARC, Atmos und DTS ohne Prospektsprache

ARC steht für Audio Return Channel. Der Ton läuft über dasselbe HDMI-Kabel zurück, über das sonst Bild hereinkommt. Alles, was am Fernseher hängt, samt seiner Apps, landet so an der Bar oder am Receiver, und HDMI-CEC legt die Lautstärke auf dieselbe Fernbedienung. Die Bandbreite des klassischen ARC ist knapp und reicht für Stereo und verlustbehaftete Formate wie Dolby Digital oder DTS.

eARC hebt diese Grenze deutlich an. Damit passen unkomprimiertes Mehrkanal-PCM und verlustfreie Spuren wie Dolby TrueHD oder DTS-HD Master Audio durch das Kabel, und Atmos muss nicht mehr in der sparsamen Dolby-Digital-Plus-Variante reisen. Springt es nicht an, hilft eine kurze Liste:

  • Der Anschluss: Meist trägt nur eine HDMI-Buchse eARC, und sie ist entsprechend beschriftet.
  • Das Kabel: eARC nutzt die Ethernet-Adern, die in alten Billigstrippen fehlen.
  • Beide Enden: Beherrscht ein Gerät nur ARC, fällt die ganze Kette darauf zurück.
  • Die Menüs: eARC und HDMI-CEC sind oft getrennt schaltbar, und der Tonausgang steht ab Werk gern auf Stereo-PCM.

Bei den Formaten gilt eine einfache Unterscheidung. Dolby Atmos und DTS:X beschreiben Positionen im Raum, während Dolby Digital und DTS festlegen, welcher Lautsprecher was bekommt. Dazu eine Stolperfalle. Etliche Fernseher lizenzieren DTS gar nicht. Einzelne Hersteller haben die Lizenz später wieder aufgenommen. Eine Blu-ray mit DTS-Spur bleibt als Bitstream über einen solchen Fernseher stumm. Der Zuspieler gehört dann an den Receiver oder muss intern auf PCM umschalten.

Wenn die Stimmen untergehen

Die häufigste Klage betrifft nicht den Bass, sondern die Dialoge. Kinomischungen leben von Dynamik, und Sprache sitzt darin bewusst weit unter den Effektspitzen. Der Center, der im Kino fast nur Dialog trägt, fehlt im Fernseher. Sein Inhalt landet beim Downmix abgesenkt zwischen Musik und Effekten, ohne jeden räumlichen Vorsprung. Und die Konsonanten schicken nach unten gerichtete Treiber zuverlässig ins Möbel.

Was hilft, ist zuerst ein echter Center, notfalls der Center-Treiber einer besseren Bar. Danach der Nachtmodus, nichts anderes als eine Dynamikkompression, die Leises anhebt und Lautes deckelt. Die Dialogverbesserung vieler Geräte hebt gezielt das Sprachband an, was bei Nachrichten hilft und bei Musik nervt. Manchmal genügt es, dem Fernseher statt der 5.1-Spur die Stereospur zu geben. Sie ist ohnehin für zwei Lautsprecher abgemischt.

Wenn die Lippen nicht passen

Lippenversatz entsteht fast immer im Bildweg. Deinterlacing, Rauschfilter, Zwischenbildberechnung und Tone Mapping brauchen Zeit, teils mehrere Bilddauern, und schieben das Bild nach hinten. Der Ton nimmt die kürzere Strecke und ist zu früh da. Wie das Bild diese Rechenzeit verbraucht, steht unter Video-Darstellung.

Das Gehör ist hier unsymmetrisch empfindlich, aus gutem Grund. In der Natur trifft Schall immer nach dem Licht ein, nie davor. Rundfunktechnische Richtwerte setzen die Schwelle, ab der vorauseilender Ton auffällt, bei knapp fünfzig Millisekunden an, für nachlaufenden Ton erst bei gut hundert. Wer die Wahl hat, verzögert lieber den Ton.

Zum Nachjustieren gibt es drei Wege. Über CEC melden Fernseher und Receiver einander ihre Verzögerung und korrigieren automatisch, was in gemischten Marken-Ketten mal klappt und mal nicht. Fast jedes Gerät hat zusätzlich einen manuellen Regler, den man an einer Nahaufnahme eines sprechenden Menschen einstellt, nicht an einem Actionfilm. Der dritte Weg macht das Bild schneller, per abgeschalteter Zwischenbildberechnung oder Spielmodus, siehe Bildeinstellungen und Bildwiederholrate. Bluetooth-Kopfhörer bringen die Verzögerung von der anderen Seite mit.

Ein Rat, den kaum ein Prospekt gibt: Wer zwischen der nächsthöheren Bildklasse und einer Soundbar mit Subwoofer wählen muss, sollte den Ton nehmen. An mehr Kontrast gewöhnt man sich nach ein paar Tagen. Verständliche Dialoge und einen Bass, der im Sofa ankommt, bemerkt man jeden Abend aufs Neue.